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Was ist eine barrierefreie Küche? Grundsätzliches und Unerlässliches

Aktualisiert: März 23

Ein Foto in unserer Tageszeitung hat mich auf die Palme gebracht: Da haben Menschen mit viel Eigeninitiative und noch mehr Geld ein Wohnprojekt für ihre mobil eingeschränkten erwachsenen Kinder geschaffen. Stolz wird die Wohnung der Rolli-Fahrerin präsentiert in ihrer neuen "barrierefreien Küche". Mich macht es traurig, dass die Besitzerin dort nicht allein zurechtkommen wird - ja es besteht sogar eine Verletzungsgefahr! Ein Backofen unter dem Kochfeld ist eine absolute Fehlplanung.

Jede Kundin möchte umfassend und fehlerfrei beraten werden - bei Menschen mit Behinderung ist Sorgfalt und Alltagstauglichkeit noch wichtiger. Deshalb zähle ich Euch hier alle nötigen Details auf, die es braucht, für eine wirklich barrierefreie Küchenplanung.

Damit Ihr selbstbestimmt und mit Spaß in Eurer barrierefreien Küche werkeln könnt!


Behinderten / Rollstuhlgerechte Kücheneinrichtung bedeutet, dass alle Hoch- und Unterschränke der individuellen Körpergröße oder der jeweiligen Behinderung angepasst werden.


Spezielle Möbel für Körperbehinderte sind notwendig und unerlässlich für ein selbständiges Leben - für alle anderen Menschen bedeuten sie Komfort und Gebrauchsfreundlichkeit.



Sockel bei Hoch- und Unterschränken

Die Sockel sind nach hinten ca. 34 cm zurückgesetzt und 24 cm hoch, das erlaubt das

Unterfahren mit dem Fußbrett eines Rollstuhls oder mit einer Gehhilfe. (Die geforderten 150 cm Bewegungskreis können dadurch eingehalten werden, auch wenn die Küche schmal ist.)

Aufhängung der Unter-Schränke: Durch Schrank-Befestigung an der Wand wird Umkippen verhindert.

Hochschränke:

· Für Backofen oder Mikrowelle mit notwendiger Ausstattung:

Auszugstisch/Tablett unter dem Gerät =

stabiler ausziehbarer Tisch zum Abstellen und Essen, Verbrennungsschutz der Knie gegen Verletzung bei Herausfallendem.




· für Backofen in Sichthöhe!

Seitlich wegdrehende Tür oder einschiebbare Ofen-Klappe = kein Verbrennen der Arme, kein Bücken, leichtere Reinigung



· für Mikrowelle, wie vor, auch als Kombigerät Backofen/Mikrowelle/Grill für Kleinhaushalt. Auch hier Auszugstisch unbedingt vorsehen

Keine zwei Geräte übereinander!


"Junggesellenküche'"



· für Geschirrspüler oder Minispüler für 4 Maßgedecke

in Sichthöhe = kein Bücken, Bedienung im Sitzen möglich.

Normbreite 60 und 45 cm = kein teures Spezialgerät nötig, Bedienleiste innen

statt Drehschalter außen, leichte Bedienbarkeit bei Rheuma, Gicht, Tetra.

Zug-Griff : Ziehen statt Greifbewegung = besser bei Handproblem.


· für Kühlschrank oder Gefriergerät

Kühlgerät in Sichthöhe = kein Bücken, Tür geht über Knie auf = Herausnahme im Sitzen möglich, spart Raum vor Kühlschrank (Rolli Drehbewegung) Schubläden statt Ablagen = Inhalt kommt nach vorn.


· für Vorräte

Drehtüren mit 165° Scharnieren, damit die Tür nicht mehr im Weg ist.

Ideal zum Aufbewahren und Entnehmen von Vorräten, herausziehbare einzelne

unterschiedlich hohe Schübe oder mit Liftböden. Im Sitzen zu bedienen

Auszüge statt Türen = erlauben bessere Übersicht von oben, keine Verletzungsgefahr durch Bücken oder Hinknien.

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· Für Vorräte oder

Speisekammerersatz (meistens schlecht proportioniert und unbefahrbar)



Diagonal-Eck-Hochschrank 105 x 105 cm mit 165° Scharnieren, evtl. oben auch mit Drehkarussell = für Rollstuhlfahrerinnen geeignet.

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· Für Vorräte Apothekerschrank - Nicht empfehlenswert!

Teuer und unpraktisch, viel Stauraum-Verlust in der Höhe der einzelnen Fächer, schwer mit Kraftaufwand nach vorn zu ziehen, müsste rechts und links genug Platz zum Heranfahren haben. Für Rollstuhlfahrerinnen ungeeignet.



Oberschränke:


· Lange, hohe Oberschränke müssen deutlich niedriger angebracht werden

(Nischenhöhe) um Zugriff zu erleichtern.

165° Scharniere erlauben seitliches Wegdrehen der Tür, kein Kopfstoßen.

Falttüren und Schiebetüren brauchen wenig Platzbedarf zum Öffnen.

Glasböden bieten bessere Übersicht von unten sowie Auszugsregale mit Liftfunktion, - Inhalt kann im Sitzen erreicht werden.











Unterschränke:

· Einzeln zu öffnende Schubladen und Auszüge. Innenschubläden sind ungeeignet


Eckunterschränke:

· nur mit Karussell, bieten gute Übersicht, Inhalt entgegenkommend,


noch besser, wenn in diagonalem Eckunterschrank eingebaut mit 165 Grad Scharnier.












· Eckunterschrank mit Le Mans-Tableau, mit hohem Preis. Da das Tableau aus dem Schrank herausfährt, müssen Vor- und Rückwärts Rollbewegungen gemacht werden, um etwas zu entnehmen. Ungeeignet für Rollifahrerinnen.


Arbeitstisch:

Aus einer 60er und 90er Schublade eines Unterschrankes auszuziehender Arbeitstisch 80 cm lang, unterfahrbar. Nicht nur zum Essen, sondern auch zum Bügeln oder Arbeiten geeignet.
















Geschlossene Schutzkasten unter Arbeitsplatten in drei Höhen

· 12,7 cm hoch, nimmt Spezial-Spülbecken auf, schützt Knie vor Verbrennung (heisses Wasser)

· 10,0 cm hoch für Schubladen

· 3,0 cm hoch für Kochfelder, verkleidet sicher Elektroleitungen

· Auszugstableau mit Edelstahlauflage = für heiße Töpfe



Beleuchtung:

· Blendfreie Beleuchtung der Arbeitsflächen,

Innen-Beleuchtung der Hängeschränke ideal.


Diagonale Arbeitsfläche über Ecke= beste ergonomische Arbeitsweise


· Zwischen Kochstelle und Spüle eine diagonale Arbeitsplatte zum Unterfahren ohne mehrere Rolli-Bewegungen. Oder Einbauspüle über Ecke, Kopffreiheit, Spülen im Sitzen möglich, hohe Beinfreiheit




Hier ist eine perfekte Rolli-Küche zu sehen:




Arbeitsflächen Zweizeilig:

· Durch mehrere notwendige Rollstuhl-Bewegungen, Vor- und Rücksetzen, Gefahren beim Transport ist diese Planung nicht geeignet für Rollstuhlfahrerrinnen!


Armatur/ Mischbatterie:

· Einhebel mit großer Öffnung für die ganze Hand, Schlauchbrause, Temperatur-

Begrenzung, Einbau seitlich statt hinten zur besseren Erreichbarkeit


Steckdosen:

· sollten im vorderen Schutzkasten angebracht werden = Zugriff von vorn mit Auswurfhebel = leicht bedienbar bei Handproblemen (Rheuma, Tetra etc.)


Elektrogeräte:


Cerankochfeld und Induktion

· kein Topfkippen, leichte Reinigung, Schieben statt Heben, Topferkennung/ Topfgrößenerkennung = schaltet bei leerem Topf Strom aus. = Sicherheit bei Vergesslichkeit.

Kochfelder nebeneinander angeordnet

sind besser erreich- und einsehbar, Bedienelemente u. U. als Schalter auf APL

(bei Sichtbehinderung spezielle Schalter)



Backöfen – hoch eingebaut

· nur mit seitlicher Tür oder einschiebbarer Klappe,

verhindert Verbrennungen unerlässlich:

mit Schub-Tablett oder ausziehbarem Tisch drunter.



Backofen Standard unten – Dringend abzuraten:


· Auch ein Backwagen kann zu schlimmen Verbrennungen führen, wenn sich die Rollifahrerin bücken muss, um etwas heraus zu nehmen.














Dunstabzug / Esse Kopffreihaube

· statt Schrankgerät = bessere Bedienbarkeit auch im Sitzen, mit Fernbedienung

bessere Abzugsergebnisse, Reinigung des Metallfettfilters in Geschirrspüler,

gute Ausleuchtung der Kochstelle


Allesschneider


· in Schublade eingebaut, sparsamster Platzbedarf. Der darunterliegende Schrank voll nutzbar (Vollauszüge) Im Sitzen mit dem Rollstuhl zu bedienen.







Höhenverstellbare Arbeitsflächen:

· Höhenverstellbare Konsolen (Hausmeisterlösung)

Höhenänderung, wenn sich der Nutzer oder die Rollstuhlgröße ändert; wenn mit Steh- oder Laufproblemen zu rechnen ist


· mit Handkurbel auf verstellbaren Konsolen, wenn unterschiedliche Höhen erwünscht sind (Heimküchen oder unterschiedlich große Personen im Haushalt)


· Unerlässlich: Elektromotorisch auf Konsolen, wenn Handkurbel nicht bedient werden kann. Mit Auffahrsicherheitsschutz bei MS oder hohem Querschnitt, Therapie/ Heim-Küchen.


Diagonale Verfahrbarkeit von Oberschränken:

· nach vorn: Oberschrank kommt diagonal in den Griffbereich des Sitzenden

· nach unten: Oberschrankinhalt wird erreichbar

bis 300 cm Breite können Oberschränke diagonal verfahrbar angefertigt werden.




Beteiligung an den Mehrkosten:

für Rollstuhlfahrerinnen auf Antrag an Krankenkasse, Berufsgenossenschaft/Haftpflicht/Unfallversicherung


Ausführliche Beschreibung der unterschiedlichen behindertengerechten bzw. altengerechten Funktionen und Spezialgeräten sind unerlässlich für die Kalkulation der Mehrkosten.

Dazu ein Beispiel im Teil II




So, und nun freue ich mich über

eure geplanten barrierefreien Küchen oder die Fragen dazu!


Eure Monika



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